ROMAN · BERLIN 1930 – 1931

EIN HAUCH
VON WEIMAR

Aus der Zeit gefallen

Eine junge Volontärin der Vossischen Zeitung schreibt über Premieren, Empfänge und Tennisturniere — und protokolliert dabei, ohne es zu merken, wie eine Demokratie zu kippen beginnt. 58 Kapitel, 20 Monate, ein Kaleidoskop aus Abenden, Begegnungen und Zeitungsspalten. Berlin wird darin zur unmittelbaren Erfahrung.

JETZT BEI AMAZON
eBOOK 6,99 €
DIE ERSTEN ZEILEN
Buchcover: Ein Hauch von Weimar – Aus der Zeit gefallen von Christian M. Mann
DIE ERSTEN ZEILEN · GLORIA-PALAST, 1. APRIL 1930

„Auf der Leinwand krähte ein Mann wie ein Hahn. Niemand im Saal lachte.“

Zwölfhundert Menschen sehen der Premiere des Blauen Engel zu. Im Foyer teilt sich die Menge vor einem unscheinbaren Mann mit Nickelbrille: Alfred Hugenberg. Helene wird über diesen Abend schreiben.

LESEPROBE WEITERLESENLESEPROBE SCHLIESSEN

Auf der Leinwand krähte ein Mann wie ein Hahn.

Niemand im Saal lachte. Zwölfhundert Menschen sahen regungslos zu, wie Professor Immanuel Rath in sein altes Klassenzimmer zurückkroch und sich an dem Pult festklammerte, an dem er sein Leben lang unterrichtet hatte. Dann zeigte das Bild fallenden Schnee und einen Nachtwächter mit Laterne, und die Leinwand wurde dunkel. Der Vorhang fiel. Im Saal rührte sich niemand; man hörte nur das Rascheln eines Programmhefts und irgendwo das Knarren eines Klappsitzes.

Dann brach der Applaus los. Er füllte den Gloria-Palast bis unter die vergoldete Decke, ein einziges Dröhnen, das von den Wänden zurückschlug und kein Ende finden wollte. Im Parkett und auf den Rängen kamen die Menschen fast gleichzeitig auf die Beine, manche riefen, andere klatschten mit erhobenen Händen über den Köpfen.

Auf der Bühne verbeugte sich Emil Jannings. Sein Frack saß makellos, aber sein Gesicht glänzte vor Schweiß, als wäre etwas von dem Professor an ihm hängen geblieben. Dann trat Marlene Dietrich ins Licht, im knöchellangen Kleid, das Haar in harten Wellen. Sie verbeugte sich nicht; sie neigte den Kopf um wenige Grad, wie jemand, der den Empfang einer Rechnung bestätigt. Der Applaus schwoll noch einmal an. Sie hob eine Hand, und die Menge verstummte.

„Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen.“ Ihre Stimme klang tief und beinahe gelangweilt, und gerade deshalb hörte jeder zu. „Man hat mir geraten, an einem Abend wie diesem etwas Kluges zu sagen. Aber Sie haben den Film gesehen. Der Professor ist der klügste Mann in dieser Geschichte, und Sie wissen, wohin ihn das gebracht hat.“ Im Parkett lachten die Ersten, und sie wartete, bis das Lachen verebbt war. „Ich verlasse mich lieber auf mein Glück. Und ich werde auch Sie jetzt verlassen. Gute Nacht, Berlin.“

Sie trat zurück und war hinter dem Vorhang verschwunden, ehe der Applaus sie einholen konnte. Kellner in weißen Jacken balancierten Tabletts durch die Menge. Das Klirren von Gläsern mischte sich mit dem Stimmengewirr – Deutsch, aber auch Französisch, ein paar Brocken Englisch.

Neben Helene stand Paul, ihr Lebensgefährte, die Hände in den Hosentaschen.

„Was denkst du?“, fragte Helene.

„Dass das Bürgertum gerade beklatscht hat, wie ein Bürger zugrunde geht.“

Bevor Helene etwas erwidern konnte, teilte sich die Menge vor ihnen. Ein Mann schritt durch das Foyer, und die Menschen traten unwillkürlich zur Seite. Alfred Hugenberg.

Helene erkannte ihn sofort. Der Schnurrbart war militärisch gestutzt, die runde Nickelbrille saß ihm tief auf der Nase – ein unscheinbarer Mann, wäre nicht das ganze Foyer vor ihm zurückgewichen. Es war sein Haus, in dem an diesem Abend gefeiert wurde.

DER ROMAN

Worum es geht

58 KAPITEL
ZWEI TEILE
DEBÜTROMAN

Berlin, 1. April 1930. Helene ist Volontärin bei der Vossischen Zeitung und lernt ihr Handwerk im Gesellschaftsteil bei Bella Fromm: wie man über Leute schreibt, ohne über sie zu schreiben. „Zwischen den Zeilen können Sie schreiben, was Sie wollen.“

Zwanzig Monate lang notiert sie, was in ihrer Stadt geschieht. Einen Osterspaziergang im Tiergarten. Ein Pfingstspiel im Stadion. Eine Sommerfrische in Heringsdorf. Dazwischen die Wahl vom 14. September, die SA-Uniformen im Reichstag, die Saalschlacht am Friedrichshain, die Bankfeiertage, Bad Harzburg. Zwischen Redaktion, ihrer Beziehung zu Paul und einer gefährlichen neuen Bekanntschaft wird Helene aus der Beobachterin zur Beteiligten.

Im Mittelpunkt steht die Zeit vor dem Untergang: eine freie, moderne, erstaunlich gegenwärtige Epoche, die zuerst nur punktuell ins Kippen gerät — an einzelnen Orten, in einzelnen Sätzen. Das Unsagbare wird sagbar, das Undenkbare denkbar, das Unwählbare wählbar.

Wer Helene bis zur letzten Seite folgt, liest ein Buch über eine Epoche, die weiter entfernt scheint, als sie ist. Oder näher liegt als sie scheint. Ganz wie man es betrachtet.

WIE ES BEGINNT

„Das Unsagbare wurde sagbar, das Undenkbare denkbar, das Unwählbare wählbar.“

Diese Jahre werden durch die Augen einer jungen Frau erfahrbar, die zunächst glaubt, sie schaue nur zu.

DIE RECHERCHE

Zwei Jahre Archivrecherche

Jede freie Minute habe ich in die Recherche von Zeitungsarchiven, Biographien, Parteimitgliedschaftskarteien und Rundfunkaufzeichnungen gesteckt. Über einen Zeitraum von fast zwei Jahren. Was im Buch nach Atmosphäre klingt — die Vorstellungen im Kino, die Aufstellung von Hertha, die Preise im Kaufhaus, der Wortlaut einer Reichstagsrede — entstammt direkt den Quellen.

Reale Personen erscheinen unter ihrem Namen mit ihren Geschichten: Bella Fromm, Brüning, Hugenberg, Goebbels, Marlene Dietrich. Die Hauptfiguren sind fiktiv — die Welt, durch die sie gehen, ist es nicht.

ZEITUNGSARCHIVE
BIOGRAPHIEN
MITGLIEDSKARTEIEN
RUNDFUNKAUFZEICHNUNGEN
KI-generierte, inszenierte Darstellung der Quellenrecherche, unter anderem mit der Vossischen Zeitung
Inszenierte Darstellung der Quellenrecherche, u.a. Vossische Zeitung. KI-generiert mit ChatGPT Image 2.
LESERBRIEF AN DIE REDAKTION, 1931 — HISTORISCHE QUELLE

„Soll ich meinen Sohn, der seine Reifeprüfung mit Gut bestanden hat, von der Universität nehmen? Meine Frau würde gern das Dienstmädchen entlassen — wenn wir eines hätten. Ich würde mir gern das Rauchen abgewöhnen — wenn ich nicht Nichtraucher wäre.“

Und, wenige Zeilen später: „Der Staat ist in höchster Gefahr, wenn er ein Heer von verelendeten und verschuldeten Beamten hat. Denn diese Beamten werden zu Feinden des Staates werden.“

AUS DEN QUELLEN · KIEL 1931

Ein Ereignis.
Drei Augenblicke.

Der Stapellauf des Panzerschiffs Deutschland am 19. Mai 1931: Staatsakt, Menschenmenge und ein Schiff, das sich dem vorgesehenen Zeremoniell für einen Moment entzieht.

Das Panzerschiff Deutschland beim Stapellauf in Kiel vor einer großen Zuschauermenge, 19. Mai 1931
DER AUGENBLICK
„Der graue Rumpf glitt los, ruckelnd zuerst, dann entschlossen, als hätte er es eilig, endlich sein Element zu finden.“
AUS DEM ROMAN
Foto: Bundesarchiv, Bild 102-11704 / Georg Pahl · CC BY-SA 3.0 DE
ABEND-AUSGABE
Panzerkreuzer entgleitet vor der Taufe.

BERLINER TAGEBLATT
19. MAI 1931

Menschenmenge und Ehrengäste beim Stapellauf des Panzerschiffs Deutschland in Kiel
„Die Menge sog scharf die Luft ein.“
Foto: Bundesarchiv, Bild 102-11705 / Georg Pahl · CC BY-SA 3.0 DE
Paul von Hindenburg und Erich Raeder beim Stapellauf des Panzerschiffs Deutschland
„Hindenburg trat vor, hob die Hand, als müsse er die Zeit selbst zurückholen.“
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2005-0901-503 · CC BY-SA 3.0 DE
Ehemaliger Kronprinz Wilhelm von Preußen als Zuschauer auf der Tribüne eines Tennismatches bei Rot-Weiß Berlin im Juni 1929
Foto: Bundesarchiv, Bild 102-07899 · CC BY-SA 3.0 DE
ROT-WEISS, GRUNEWALD · JULI 1930

Die einen und die anderen

„Die einen sorgen sich um die Republik, die anderen um ihren Aufschlag. Und beides ist todernst gemeint.“

AUS „EIN SCHMETTERSCHLAG“

An diesem Nachmittag im Juli 1930 erfährt Helene auf der Tribüne, dass der Reichstag aufgelöst wurde – und Bella Fromm erklärt ihr die Lage am Spielfeld: Aufschlag, Rückschlag, Schmetterball. Auf den Rängen von Rot-Weiß saß in jenen Jahren auch der ehemalige Kronprinz Wilhelm; die Aufnahme stammt vom Juni 1929.Pock-Pock-Pock der Bälle. Die Aufnahme entstand im Juni 1929.

ZEITTAFEL

Die 20 Monate, in denen der Roman spielt

30. MÄRZ 1930
Heinrich Brüning wird Reichskanzler. Seine Regierung hat keine Mehrheit im Reichstag.
1. APRIL 1930
Uraufführung von „Der blaue Engel“ im Gloria-Palast. Der Roman beginnt in diesem Saal.
16. JULI 1930
Brüning setzt den Haushalt erstmals per Notverordnung nach Artikel 48 durch.
14. SEPTEMBER 1930
Reichstagswahl. Die NSDAP wird mit 18,3 Prozent und hundertsieben Mandaten zweitstärkste Partei.
13. OKTOBER 1930
Die NSDAP-Abgeordneten erscheinen erstmals in SA-Uniform im Reichstag.
5. FEBRUAR 1931
Goebbels erklärt im Reichstag die grundsätzliche Gegnerschaft seiner Partei zum parlamentarischen System.
13. JULI 1931
Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank. Bankfeiertage und Devisenbewirtschaftung.
10./11. OKTOBER 1931
Harzburger Front. DNVP, NSDAP und Stahlhelm zeigen ihre gemeinsame Front gegen die Republik.
15. NOVEMBER 1931
Landtagswahl in Hessen. Die Gegner der Republik haben von diesem Tag an die Mehrheit im Landtag.
HISTORISCHE PERSONEN IM BUCH

Zwischen den fiktiven Hauptfiguren

BELLA FROMM
1890 – 1972
Gesellschafts- und Diplomatenreporterin der Vossischen Zeitung, in deren Spalten das offizielle Berlin sich selbst beim Feiern zusah. 1938 musste sie als Jüdin emigrieren. Im Roman ist sie Helenes Lehrmeisterin.
ALFRED HUGENBERG
1865 – 1951
Vorsitzender der DNVP und mächtigster Medienunternehmer der Republik: Scherl-Verlag, Telegraphen-Union, Ufa. Er glaubte, Hitler benutzen zu können.
HEINRICH BRÜNING
1885 – 1970
Reichskanzler ohne Mehrheit. Er regierte mit Notverordnungen — und gewöhnte das Land daran, dass Gesetze auch ohne Parlament entstehen können.
MARLENE DIETRICH
1901 – 1992
Sie spielte die Lola Lola und verließ Berlin in der Nacht der Premiere Richtung Hollywood. Den Triumph ihres eigenen Films hat sie nie im Publikum erlebt.
FRIEDRICH HOLLAENDER
1896 – 1976
Komponist und Kabarettist. Sein bitterstes Lied unterlegte den mörderischen Vorwurf mit der Habanera aus Bizets „Carmen“. 1933 floh er ins Exil.
PAUL VON HINDENBURG
1847 – 1934
Reichspräsident. Der Feldmarschall des Kaiserreichs als Garant der Republik — eine Konstruktion, die nur so lange trug, wie er es wollte.
DER AUTOR

Christian M. Mann

Geboren 1985 in White Plains, New York, aufgewachsen in Göttingen. Arzt, Forscher und Führungskraft. Drei Tätigkeiten, die dasselbe verlangen: genau hinsehen, bevor man urteilt. Was im Untersuchungszimmer gilt, gilt auch für eine Gesellschaft: die von gestern wie die von heute.

„Ein Hauch von Weimar“ ist sein erster Roman. Er erscheint ohne Verlag — im Eigenvertrieb.

IN EIGENER SACHE

„Als unabhängiger Autor habe ich keinen Verlag, der für dieses Buch wirbt. Was ich habe, sind Leserinnen und Leser, die etwas darüber schreiben. Und wenn Sie mögen: Erzählen Sie jemandem davon, mit dem Sie über dieses Buch sprechen, diskutieren oder streiten können.“

CHRISTIAN M. MANN
FÜR REDAKTIONEN, FEUILLETON UND PODCASTS

Worüber sich sprechen lässt

Rezensionsexemplare (digital und gedruckt), Leseproben, Coverdateien und Autorenfotos stelle ich kurzfristig zur Verfügung. Für Interviews, Gastbeiträge und Podcasts bin ich direkt erreichbar.

WIE DEMOKRATIEN KIPPEN
Das Kippen beginnt in einzelnen Sätzen und an einzelnen Abenden. Der Roman zeigt die Mechanik der Gewöhnung — Notverordnungen, Uniformen im Plenum, Schweigen am Kaffeetisch — und liefert Material für Debatten über die Erosion demokratischer Selbstverständlichkeiten.
PRESSE UND MACHT
Ein Medienkonzern als politisches Instrument, eine Redaktion, die zwischen den Zeilen schreiben muss, eine Volontärin, die lernt, was sie nicht schreiben darf. Der Roman spielt in einer Zeitung.
STARKE WEIBLICHE HAUPTFIGUR
Helene als Volontärin im Gesellschaftsteil: der Ort, an dem Frauen 1930 schreiben durften — und an dem sich, gerade deshalb, mehr über die Macht erfahren ließ als im Politikressort. Eine Frau, die sich ihren Beruf und ihr Urteil Zeile für Zeile erkämpft.
RECHERCHE STATT KULISSE
Zwei Jahre Zeitungsarchive, Biographien, Mitgliedskarteien und Rundfunkaufzeichnungen. Kinoprogramme, Aufstellungen, Kaufhauspreise und der Wortlaut von Reichstagsreden stammen aus den Quellen — nachprüfbar bis ins Detail.
ERSCHEINUNG
1. Auflage 2026 · eBook erhältlich, Hardcover in Vorbereitung
EIN HAUCH VON WEIMAR
Aus der Zeit gefallen · Roman
BEI AMAZON ANSEHEN
eBOOK 6,99 €