BERLINER TAGEBLATT
19. MAI 1931
EIN HAUCH
VON WEIMAR
Eine junge Volontärin der Vossischen Zeitung schreibt über Premieren, Empfänge und Tennisturniere — und protokolliert dabei, ohne es zu merken, wie eine Demokratie zu kippen beginnt. 58 Kapitel, 20 Monate, ein Kaleidoskop aus Abenden, Begegnungen und Zeitungsspalten. Berlin wird darin zur unmittelbaren Erfahrung.
„Auf der Leinwand krähte ein Mann wie ein Hahn. Niemand im Saal lachte.“
Zwölfhundert Menschen sehen der Premiere des Blauen Engel zu. Im Foyer teilt sich die Menge vor einem unscheinbaren Mann mit Nickelbrille: Alfred Hugenberg. Helene wird über diesen Abend schreiben.
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Auf der Leinwand krähte ein Mann wie ein Hahn.
Niemand im Saal lachte. Zwölfhundert Menschen sahen regungslos zu, wie Professor Immanuel Rath in sein altes Klassenzimmer zurückkroch und sich an dem Pult festklammerte, an dem er sein Leben lang unterrichtet hatte. Dann zeigte das Bild fallenden Schnee und einen Nachtwächter mit Laterne, und die Leinwand wurde dunkel. Der Vorhang fiel. Im Saal rührte sich niemand; man hörte nur das Rascheln eines Programmhefts und irgendwo das Knarren eines Klappsitzes.
Dann brach der Applaus los. Er füllte den Gloria-Palast bis unter die vergoldete Decke, ein einziges Dröhnen, das von den Wänden zurückschlug und kein Ende finden wollte. Im Parkett und auf den Rängen kamen die Menschen fast gleichzeitig auf die Beine, manche riefen, andere klatschten mit erhobenen Händen über den Köpfen.
Auf der Bühne verbeugte sich Emil Jannings. Sein Frack saß makellos, aber sein Gesicht glänzte vor Schweiß, als wäre etwas von dem Professor an ihm hängen geblieben. Dann trat Marlene Dietrich ins Licht, im knöchellangen Kleid, das Haar in harten Wellen. Sie verbeugte sich nicht; sie neigte den Kopf um wenige Grad, wie jemand, der den Empfang einer Rechnung bestätigt. Der Applaus schwoll noch einmal an. Sie hob eine Hand, und die Menge verstummte.
„Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen.“ Ihre Stimme klang tief und beinahe gelangweilt, und gerade deshalb hörte jeder zu. „Man hat mir geraten, an einem Abend wie diesem etwas Kluges zu sagen. Aber Sie haben den Film gesehen. Der Professor ist der klügste Mann in dieser Geschichte, und Sie wissen, wohin ihn das gebracht hat.“ Im Parkett lachten die Ersten, und sie wartete, bis das Lachen verebbt war. „Ich verlasse mich lieber auf mein Glück. Und ich werde auch Sie jetzt verlassen. Gute Nacht, Berlin.“
Sie trat zurück und war hinter dem Vorhang verschwunden, ehe der Applaus sie einholen konnte. Kellner in weißen Jacken balancierten Tabletts durch die Menge. Das Klirren von Gläsern mischte sich mit dem Stimmengewirr – Deutsch, aber auch Französisch, ein paar Brocken Englisch.
Neben Helene stand Paul, ihr Lebensgefährte, die Hände in den Hosentaschen.
„Was denkst du?“, fragte Helene.
„Dass das Bürgertum gerade beklatscht hat, wie ein Bürger zugrunde geht.“
Bevor Helene etwas erwidern konnte, teilte sich die Menge vor ihnen. Ein Mann schritt durch das Foyer, und die Menschen traten unwillkürlich zur Seite. Alfred Hugenberg.
Helene erkannte ihn sofort. Der Schnurrbart war militärisch gestutzt, die runde Nickelbrille saß ihm tief auf der Nase – ein unscheinbarer Mann, wäre nicht das ganze Foyer vor ihm zurückgewichen. Es war sein Haus, in dem an diesem Abend gefeiert wurde.
Worum es geht
Berlin, 1. April 1930. Helene ist Volontärin bei der Vossischen Zeitung und lernt ihr Handwerk im Gesellschaftsteil bei Bella Fromm: wie man über Leute schreibt, ohne über sie zu schreiben. „Zwischen den Zeilen können Sie schreiben, was Sie wollen.“
Zwanzig Monate lang notiert sie, was in ihrer Stadt geschieht. Einen Osterspaziergang im Tiergarten. Ein Pfingstspiel im Stadion. Eine Sommerfrische in Heringsdorf. Dazwischen die Wahl vom 14. September, die SA-Uniformen im Reichstag, die Saalschlacht am Friedrichshain, die Bankfeiertage, Bad Harzburg. Zwischen Redaktion, ihrer Beziehung zu Paul und einer gefährlichen neuen Bekanntschaft wird Helene aus der Beobachterin zur Beteiligten.
Im Mittelpunkt steht die Zeit vor dem Untergang: eine freie, moderne, erstaunlich gegenwärtige Epoche, die zuerst nur punktuell ins Kippen gerät — an einzelnen Orten, in einzelnen Sätzen. Das Unsagbare wird sagbar, das Undenkbare denkbar, das Unwählbare wählbar.
Wer Helene bis zur letzten Seite folgt, liest ein Buch über eine Epoche, die weiter entfernt scheint, als sie ist. Oder näher liegt als sie scheint. Ganz wie man es betrachtet.
Wo man gesehen wurde
„Etwa zwanzig Personen saßen dort – Damen in sommerlichen Ensembles, Herren mit Strohhüten, alle mit diesem gelassenen Ausdruck von Menschen, die nirgendwo anders sein mussten an einem Freitagnachmittag.“
AUS „EIN SCHMETTERSCHLAG“
Auf den Tribünen von Rot-Weiß gehörte auch der ehemalige Kronprinz Wilhelm zum Berliner Gesellschaftsbild: kein Politikum im Bild, sondern ein Zuschauer unter Sommerhüten, leisen Gesprächen und dem Pock-Pock-Pock der Bälle. Die Aufnahme entstand im Juni 1929.
„Das Unsagbare wurde sagbar, das Undenkbare denkbar, das Unwählbare wählbar.“
Diese Jahre werden durch die Augen einer jungen Frau erfahrbar, die zunächst glaubt, sie schaue nur zu.
Zwei Jahre Archivrecherche
Jede freie Minute habe ich in die Recherche von Zeitungsarchiven, Biographien, Parteimitgliedschaftskarteien und Rundfunkaufzeichnungen gesteckt. Über einen Zeitraum von fast zwei Jahren. Was im Buch nach Atmosphäre klingt — die Vorstellungen im Kino, die Aufstellung von Hertha, die Preise im Kaufhaus, der Wortlaut einer Reichstagsrede — entstammt direkt den Quellen.
Reale Personen erscheinen unter ihrem Namen mit ihren Geschichten: Bella Fromm, Brüning, Hugenberg, Goebbels, Marlene Dietrich. Die Hauptfiguren sind fiktiv — die Welt, durch die sie gehen, ist es nicht.
„Soll ich meinen Sohn, der seine Reifeprüfung mit Gut bestanden hat, von der Universität nehmen? Meine Frau würde gern das Dienstmädchen entlassen — wenn wir eines hätten. Ich würde mir gern das Rauchen abgewöhnen — wenn ich nicht Nichtraucher wäre.“
Und, wenige Zeilen später: „Der Staat ist in höchster Gefahr, wenn er ein Heer von verelendeten und verschuldeten Beamten hat. Denn diese Beamten werden zu Feinden des Staates werden.“
Ein Ereignis.
Drei Augenblicke.
Der Stapellauf des Panzerschiffs Deutschland am 19. Mai 1931: Staatsakt, Menschenmenge und ein Schiff, das sich dem vorgesehenen Zeremoniell für einen Moment entzieht.
„Der graue Rumpf glitt los, ruckelnd zuerst, dann entschlossen, als hätte er es eilig, endlich sein Element zu finden.“
„Die Menge sog scharf die Luft ein.“
„Hindenburg trat vor, hob die Hand, als müsse er die Zeit selbst zurückholen.“
Die 20 Monate, in denen der Roman spielt
Zwischen den fiktiven Hauptfiguren
Christian M. Mann
Geboren 1985 in White Plains, New York, aufgewachsen in Göttingen. Arzt, Forscher und Führungskraft. Drei Tätigkeiten, die dasselbe verlangen: genau hinsehen, bevor man urteilt. Was im Untersuchungszimmer gilt, gilt auch für eine Gesellschaft: die von gestern wie die von heute.
„Ein Hauch von Weimar“ ist sein erster Roman. Er erscheint ohne Verlag — im Eigenvertrieb.
„Als unabhängiger Autor habe ich keinen Verlag, der für dieses Buch wirbt. Was ich habe, sind Leserinnen und Leser, die etwas darüber schreiben. Und wenn Sie mögen: Erzählen Sie jemandem davon, mit dem Sie über dieses Buch sprechen, diskutieren oder streiten können.“
Worüber sich sprechen lässt
Rezensionsexemplare (digital und gedruckt), Leseproben, Coverdateien und Autorenfotos stelle ich kurzfristig zur Verfügung. Für Interviews, Gastbeiträge und Podcasts bin ich direkt erreichbar.